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Points of View

Wie Mosaike wirken die monumentalen Wandarbeiten der „Points of View“, die Helzle in Kooperation mit dem Fotografen Luca Siermann entwickelte. Auch sie sind Portraits. Die Körperansichten der Modelle werden mittels 360-Grad-Fotografie erstellt, die Körperhöhe in neun Abschnitte unterteilt, auf jeder Ebene ergeben sich in der Umkreisung des Körpers neun Aufnahmen im Abstand von 40 Grad. Das Modell steht auf einer Drehscheibe, Ergebnis sind jeweils 81 Einzelaufnahmen. Mit den wechselnden Ansichten löst sich Helzle vom fixen Betrachterstandpunkt und zeigt in Simultanschau polyvalente Perspektiven. Der Körper verliert seinen festen Umriss, sein Volumen wird aus Einzelbildern neu konstruiert und prismenartig zusammengefasst. In freien Rhythmen verdichtet der Künstler die Fragmente zu kaleidoskopartigen Kompositionen, die Haltung und Charakter des Modells in markanten Anti-Portraits sichtbar machen.

Mathematik hat ein mieses Image. Sie gilt als kalt, kompliziert und blutleer, und wohl kaum jemand käme auf die Idee, ausgerechnet mit Hilfe von Mathematik menschliche Individualität zu illustrieren.
Der Fotograf Luca Siermann und der Medienkünstler Wolf Nkole Helzle tun aber genau das. Sie teilen die fotografischen Porträts ihrer Modelle in ein Raster auf, das nicht die mindeste Rücksicht auf die Erscheinung des abgebildeten Menschen nimmt: Das Modell, reglos auf einer Drehscheibe posierend, wird von der Kamera ringsum abgetastet. Alle vierzig Winkelgrad entsteht eine Aufnahme. Diese Umrundung wiederholen Siermann und Helzle, aufsteigend von einem Kamerastandpunkt auf Bodenniveau, in neun Positionen von je zwanzig Zentimeter Höhenunterschied, so dass insgesamt 81 Fotos pro Person entstehen.
Diese Versuchsanordnung erscheint extrem rigide. Um so größer ist die Verblüffung, wenn man zum ersten Mal ihre Resultate vor Augen hat. Denn die vermeintlich seelenlose Zerstückelung der Abgebildeten ergibt einen höchst spielerischen Magic Cube in zwei Dimensionen, eine visuelle Spielwiese sonder gleichen.
Die Struktur des Rasters, ein Inbegriff von Starre und Unbeweglichkeit, ist lediglich der Rahmen für eine Partie, die sich unversehens in metaphysische Dimensionen erstreckt.
Geht man davon aus, jedes der 81 Teilbilder mit den anderen zu kombinieren, entstehen für das erste Feld 81 Möglichkeiten, für das zweite 80, das dritte 79 usw. Insgesamt: 5.79712602 x 10 (hoch)120, eine Zahl mit 121 Stellen. Würde ein Computer jede Sekunde 1000 Varianten hervorbrigen, bräuchte er für alle 1.83703762 x 10(hoch)110 Jahre. Leider besteht das Universum nach heutiger Schätzung erst seit ca. 13,7 Milliarden Jahren, unser fiktiver Rechner würde 1.34 x 10(hoch)100 mal die Dauer der Kosmos-Existenz benötigen. Kurz gesagt: ziemlich unendlich.
Damit fügt sich „Points of View“ bündig in die jahrelangen Arbeiten von Wolf Helzle, die sich mit menschlicher Individualität befassen. Seit den späten neunziger Jahren hat Helzle in Europa, Afrika und Asien zehntausende fotografischer Porträts gesammelt, die er meist als Projektionen in immer neuen Kombinationen zeigt.
„Points of View“ reflektiert nicht mehr das Verhältnis des Einzelnen zur Masse, sondern die schier endlose Vielfalt der Möglichkeiten, die innerhalb einer einzigen Person bestehen bzw. die man als Betrachter an ihr wahrnehmen kann.
Auf einer sehr fundamentalen Ebene erinnert das Spiel der Möglichkeiten von „Points of View“ an jene Struktur, die auch die unvorstellbare Menge an menschlichen Inidividuen auf der Welt hervorbringt - hier ein paar Dutzend Bildteile, dort jenes Mini-Alphabet von vier Basen in der DNA, deren Kombinationen jedem einzelnen Homo Sapiens seit Entstehung der Spezies eine einmalige Identität verschaffen.
So wenig wie seit Anbeginn der Zeiten auch nur ein einziger Homo Sapiens je einen Doppelgänger mit identischem Erbgut hatte, so wenig wird das Individualitäts-Puzzle von Siermann und Helzle je an ein Ende geraten. Man könnte fast sagen: dank der mathematischen Strenge entwickeln die „Points of View“ eine Lebendigkeit, die man dem puren Konzept niemals zuschreiben würde.
Und auch die Autoren selber sind immer wieder überrascht von den Resultaten ihrer visuellen Rasterfahndung. Auf der Suche nach der Individualität ihrer Modelle entstehen nämlich Ansichten, die kein Fotograf, Gestalter oder Bildregisseur je geplant hätte. Gerade weil die Rastereinteilung von „Points of View“ so unverrückbar ist, produziert die Kamera Teilansichten des Menschen, die völlig im Widerspruch stehen zur normalen Wahrnehmung. Die konzentriert sich aus guten evolutionären Gründen auf das Gesicht, die Hände, die Gesamthaltung des Gegenüber - so erkennt man am besten, was ein Mensch im Schilde führt. Kniekehlen, Halsfalten, Sprunggelenke werden kaum jemals mit der gleichen Intensität betrachtet wie Gesichtszüge. Helzle und Siermann demokratisieren die Aufmerksamkeit für die verschiedenen Körperregionen - sie sind alle gleich präsent. So entstehen skulpturale Ausschnitte, die auch wegen der technischen Konzeption des Projektes enorme Wirkung erzielen können. Jedes der 81 quadratischen Teilbilder ist nämlich mit einer so hohen Auflösung fotografiert, dass es problemlos in mehrfacher Lebensgröße reproduziert werden kann. Helzle und Siermann können haushohe Riesen erstehen lassen, die immer noch haarfeine Details besitzen. Gleichzeitig haben sie aber auch die Möglichkeit, ihre Tableaus so stark zu verkleinern, dass nur noch Farben und visuelle Rhythmen übrig bleiben - ein abstrakter Bildraum, in dem das ursprünglich angestrebte Porträt völlig zurücktritt hinter Form und Struktur.

Von Andreas Langen