social media artist

"Homo Schaparuikenellsis" Galerie der Stadt Ostfildern

Social Media Art mit der Stadt Ostfildern. Eine Dokumentation. Herausgeber: Galerie der Stadt Ostfildern
56 Seiten, 21 x 21 cm, Gestaltung WELLHOLZ, 2012.       

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Konkreter Anlass für das vorliegende Ausstellungskonzept ist das 10-jährige Jubiläum des Stadthauses in Ostfildern, einer modernen Stadt mit über 36000 Einwohnern, 99 Nationen und 6 Stadtteilen. Das Stadthaus als zentraler Ort der Begegnung und Treffpunkt für alle Bürger ist der Geburtsort des „homo schaparuikenellsis“. In der Galerie, dem lebendigen kulturellen Zentrum der Stadt, erblickte das Kunstwesen gewissermaßen das Licht der Welt. Dessen „Urvater“, Medienkünstler Wolf Nkole Helzle schöpfte aus den spannenden, intensiven Begegnungen mit über 1100 Bürgern seine künstlerische Inspiration und verlieh der Stadt ein gemeinsames Gesicht, eine Integrationsfigur. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Shooting bekannten sich zu ihrer Stadt Ostfildern und auch zu deren Aktivitäten unterschiedlichster Art und demonstrierten, dass sie gleichermaßen Individuum wie auch Teil des Ganzen sind.
Genau 1102 Porträtierwillige ließen sich zunächst bei der „Winterunterhaltung“ des TV Kemnat, eine Woche später beim Neubürgerempfang im Stadthaus, im Moscheeverein, bei der „Jugendkulturnacht“ des TV Nellingen und schließlich auf dem Platz vor dem Stadthaus im Zelt der SWE frontal ablichten. Bunter konnte die Vielfalt gar nicht sein. Der älteste Teilnehmer war 96 Jahre alt, der jüngste gerade mal 7 Monate. Frauen, Männer, Schüler, Kindergartenkinder, eine Gruppe mit ihrem Vorlesepaten, Sportgruppen, Krabbelgruppen, Frauenfrühstücksteilnehmer, Vereinsmitglieder, Neubürger, Mitarbeiter und Kunden vom Diakonieladen, Integrationskursteilnehmer, Spätaussiedler, Firmenausflügler, Konfirmanden, Passanten, Gäste der Tagespflege, Behinderte, Streetworker, Gemeinderäte und Kirchengemeinderäte, Kollegen und nicht zuletzt Ehrenamtliche.
Am Rande des Shootings ergaben sich zauberhafte kleine Begegnungen, die im Gedächtnis bleiben. Besonders lustig und turbulent wurde es für das Galerieteam, wenn Gruppen von Schülern anrückten. Es ging jedoch erfreulich diszipliniert zu, zumal ja keiner verwechselt werden wollte. „Soll ich die Jacke anbehalten?“- „Sitzt die Frisur?“ – „Wie soll ich gucken?“ Heitere Stimmung wurde auch beim Besuch der Gäste aus der Tagespflege spürbar. Die Damen und Herren bildeten einen Sonnenstuhlkreis, genossen Obst und Getränke und flirteten teils heftig mit dem Galerieteam. Ein kleiner Junge, der mit seinem Vorlesepaten und der gesamten Kindergartengruppe angereist war, begab sich wissbegierig ins Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer: „Oh, irre, wie funktioniert denn das mit dem Motor?“
Konfirmanden der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde begaben sich in Klausur um die Option zu diskutieren, ob es wohl auch einen „Homo Bonhoefferensis“ geben kann...
Die Liste dieser kleinen Episoden könnte noch sehr viel länger sein. Der Kontakt der Menschen untereinander rund um das SWE-Zelt, aber auch der Kontakt und Austausch mit den Porträtierten selbst machten die Fotowochen zu etwas Besonderem und in dieser Form auch Einzigartigem. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, um eine Art Soziogramm an einem Ort auf dem Platz vor dem Stadthaus in Ostfildern in einer Märzwoche 2012.
Aus diesem Kaleidoskop an Begegnungen kreierte der Künstler durch Überlagerung transparenter Schichten ein Gesicht, das die Merkmale von 100 ausgelosten der 1102 Teilnehmer birgt. Er vereint medial Bürgerinnen und Bürger aus allen Stadtteilen. Scha steht für Scharnhausen, SchaPa für den Scharnhauser Park, pa auch für die Parksiedlung, rui für Ruit, ke für Kemnat und nell, für Nellingen.
In zarten, warmen Pastellfarben entstand ein Gesicht mit nahezu aufgelösten Konturen, das ambivalent erscheint: freundlich, jung, geheimnisvoll lächelnd, vertraut und doch irritierend distanziert, beinahe entrückt. Selbstbewusst mit natürlichem Selbstverständnis, so präsentiert sich das Gemein-Wesen, dem bisweilen edle, gar feinsinnige Züge bescheinigt werden.
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In diesem Sinne besitzt der „homo schaparuikenellsis“ nicht nur selbst künstlerische, soziale und integrative Eigenschaften, sondern er fordert zur intensiven Betrachtung, Reflexion, Kommunikation und zur Beteiligung heraus - ganz so, wie das für eine moderne Stadt wie Ostfildern dauerhaft wünschenswert ist.

Holle Nann, Kunsthistorikerin, Leiterin der Städtischen Galerie Ostfildern