Homo donzdorfensis
Ein Kunstprojekt von Wolf Nkole Helzle mit Beteiligung von 100 Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Donzdorf
Impressionen von der Ausstellungseröffnung am 25. Januar 2009, den kompletten Katalog gibt es hier (PDF-Dokument ca. 2 MB)
Künstlergespräch: Dienstag, 10. Februar 2009, 18.30 Uhr
Führungen: Mittwoch, 18. Februar 2009, 18.30 Uhr und Sonntag, 1. März 2009, 14.00 Uhr
Die Redakteure des Donzdorfer Newsletter führten ein Interview mit dem Künstler: www.donzdorf.de
Die MedienRegion Stuttgart weist in ihrem neuesten Newsletter ebenfalls auf das Künstlergespräch hin: link
Simone Jung, Kunsthistorikerin (Auszug): (english version below)
"Für Wolf Nkole Helzle ist das Sammeln von Gesichtern wie eine Verbeugung vor der unendlichen Vielfalt der Menschen, deren Abbilder gemäß der jeweiligen Ausrichtung seiner Werke in seriellen Abfolgen ein gemeinsames Ganzes bilden.
Dieser Leitgedanke liegt auch der Werkserie der „Multiplen Porträts“ zugrunde. In einem speziellen Computerprogramm werden dazu 100 Einzelporträts transparent übereinander geschichtet und bilden so ein „neues“, gemeinsames Gesicht. Die meist gleichnishaft verwendete Formulierung „ein Gemeinwesen bilden“ wird somit beim Wort genommen und in einer idealtypischen Weise anschaulich gemacht. So ermöglicht die Computertechnologie eine absolut gleichberechtigte Überlagerung, oder vielmehr Vereinigung der Porträts, da im digitalen Datenraum weder Reihenfolge, noch Prägnanz eines individuellen Merkmals ein vordergründiges Mehr an Aufmerksamkeit erzeugen. Faszinierend dabei ist, dass durch die Überlagerung die spezifischen Gesichtszüge zwar verwischen, die Übergänge durch die vielen Schichtungen jedoch so weich werden und sich zugleich in markanten Gesichtspunkten wie Augen, Nase und Mund verdichten, dass tatsächlich ein neues, einzigartiges Gesicht von malerischer Qualität entsteht.
Eine solch wundersame Erscheinung blickt uns auch aus dem hier präsentierten, multiplen Porträt des „Homo donzdorfensis“ entgegen. In seinen Ausmaßen von 80 x 80 cm ist es die bislang größte Ausführung innerhalb der Werkserie. Mit seinem freundlichen Äußeren und den uns scheinbar in jeder Perspektive in Augenschein nehmenden Blick wirkt es sehr lebendig. Zugleich ist es aber in Alter und Geschlecht, sowie in seinem konkreten Gesichtsausdruck nur schwer festzumachen, und während es von einer gewissen Distanz relativ deutlich erscheint, entzieht es sich – je mehr man sich ihm nähert – einer eindeutigen Beschreibung. Entsprechend wirkt es zugleich nah und entrückt, vertraut und doch fremd, hält aber gerade deshalb unseren Blick gefangen und strahlt darin etwas von einer zeitlosen, allgegenwärtigen Präsenz aus.
Während Wolf Nkole Helzle bei den vorhergehenden Studien lediglich Gesichter aus seiner umfangreichen Porträtsammlung verwendete, wurde die Idee nun auch erstmalig im Zusammenhang mit einem konkreten Ort aufgegriffen, und in dem Wissen um das vielseitige bürgerliche Engagement und das aktive Donzdorfer Gemeindeleben in einem konzeptionell weiterentwickelten Projekt umgesetzt. – Dabei war „ein Gemeinwesen bilden“ nicht nur allegorisch gemeint, sondern auch in der tatsächlichen Umsetzung gefordert!
Um sowohl im eigentlichen als auch im übertragenen Sinn ein möglichst „vielschichtiges Bild“ der Donzdorfer Bevölkerung zu erhalten, wurden daher 100 Bürgerinnen und Bürger aus verschiedenen Gruppierungen (Vereine, Kirchengemeinden, Schulen, Betriebe etc.) eingeladen, sich an diesem Gemeinschafts-Projekt zu beteiligen. Dazu waren die Gruppen zunächst gebeten, selbst die Auswahl ihrer Repräsentanten zu treffen und dabei auch auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Vertretern zu achten.
Die wesentliche Aufgabe eines Portraits ist es, neben einer körperlichen Ähnlichkeit auch das Wesen, bzw. die Persönlichkeit der portraitierten Person zum Ausdruck zu bringen und auf diese Weise in Erinnerung zu halten. Die Fotografie verweist darüber hinaus auf einen konkreten Moment, sei´s im zeitlichen Verlauf eines Lebens oder sonstiger Prozesse. Innerhalb des künstlerischen Projektes des „Homo donzdorfensis“ wird daher anhand der Porträtaufnahmen auch ein performativer Prozess bildhaft gemacht, denn die Fotoaktionen von Wolf Nkole Helzle sind immer auch Interventionen. Der Kontakt mit den Menschen, das Gespräch und der Austausch sind dabei wesentliche Faktoren, und die Fotostation, ebenso wie die Präsentationen, bieten dazu an immer anderen Orten der Welt den Anlass.
Joseph Beuys war es, der den Begriff der „sozialen Plastik“ prägte. Von ihm stammt auch die oft zitierte aber meist missverstandene These „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Innerhalb seiner Auffassung eines erweiterten Kunstbegriffs nutzte er diese Beschreibungen, um seine Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst zu erläutern, die besagt, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch gestaltend, also „plastizierend“, auf die Gesellschaft einwirken kann.
Eben dieses Handeln, dieser kreative Einsatz ist es, was die Menschen der hier präsentierten Porträts kraft ihres bürgerlichen Engagements miteinander verbindet, und was sich im Gemeinwesen der Stadt Donzdorf, sowie im multiplen Porträt des „Homo donzdorfensis“ ausdrückt, das ohne den Einsatz einzelner und vieler nicht realisierbar gewesen wäre. Kreativität, also die geistige Fähigkeit zur Reflexion und damit zum bewussten, selbstbestimmten Tun und Gestalten ist es auch, was den Homo sapiens von seinen tierischen Verwandten unterscheidet und worin letztlich die Ursprünge unserer menschlichen Kultur und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens in all ihren Facetten begründet liegen."
"For Wolf Nkole Helzle, collecting faces is much like paying obeisance to the endless variety of human beings. Subject to the respective alignment of his works in serial sequences, their depictions constitute a collective whole.
The series Multiple Portraits is also based on this principle. In a special computer program, 100 individual, transparent portraits are layered one upon the other, forming a “new”, combined face. The phrase “to form a community”, for the most part used allegorically, is thus taken literally and illustrated in an ideal-typical way. Computer technology enables a superimposition, or rather coalescence of the portraits on absolutely equal footing, as in digital data space neither the sequence nor the concision of an individual feature produce a superficial increase in attention. What is fascinating is that while the superimposition may blur the specific facial features, due to the numerous layers, the transitions become so soft and so new and are condensed in prominent aspects such as eyes, nose, and mouth, that a unique face of painterly quality is actually produced at the same time.
This kind of wondrous phenomenon also looks at us out of the multiple portrait of the Homo donzdorfensis being presented here. Its dimensions, 80 by 80 centimeters, make it the largest within the series. Its friendly appearance and gaze, which seems to peer at us from every perspective, is very alive. At the same time, it is difficult to determine age and gender or a concrete facial expression, and while it appears to be relatively clear from a certain distance, the closer one gets to it, the more it eludes a distinct definition. Accordingly, it seems at the same time close and ethereal, familiar and yet strange. Yet it is precisely for this reason that it captures our eyes and radiates something of a timeless, ubiquitous presence.
While for previous studies Wolf Nkole Helzle used only faces from his comprehensive collection of portraits, the idea was now taken up for the first time in connection with a concrete site and with the knowledge of the diverse citizen involvement and active community life in Donzdorf and implemented in a project whose concept had been further developed. In doing so, “to form a community” was not only meant allegorically, but demanded in the actual implementation!
In order to obtain as “multilayered” an image as possible in both a real as well as a figurative sense, 100 citizens from various groups (clubs, church congregations, schools, businesses, etc.) were invited to participate in this community project. The groups were initially asked to select their representatives and see to it that there was a balanced number of females and males.
Besides a physical similarity, the essential task of a portrait is also to express the essence or the personality of the person being portrayed and thus bear him or her in remembrance. Moreover, photography makes reference to a specific moment, be it during the course of one’s life or other processes. Within the Homo donzdorfensis project, by means of the portrait photographs light is therefore cast on a performative process, for Wolf Nkole Helzle’s photo actions are always interventions as well. Establishing contact with people, conversation, and exchange are important factors, and the photo station, as well as the presentations, give rise to doing this in different and new places throughout the world.
It was Joseph Beuys who coined the term “social sculpture”. The frequently cited but for the most part misunderstood thesis “Every-one is an artist” also stems from him. He used these descriptions within his idea of an extended concept of art in order to explain his notion of art that changes society: everyone can contribute to the welfare of the community through creative action and thus design, or “sculpt,” society.
It is precisely this action, this creative effort, that connects the people presented in this portrait by virtue of their civic involvement and which is expressed in the community of the city of Donzdorf as well as in the multiple portrait of the Homo donzdorfensis, which could not have been realized without individual and collective efforts. Creativity, that is the mental ability to reflect and thus act and design in a conscious and self-determined way, is also what distinguishes the Homo sapiens from other animals and in which the origins of our human culture and our social coexistence are ultimately based in all of their facets."
Simone Jung, art historian (excerpt)