... und ich bin ein Teil
Medien Kunst Stück

DemoVideo 5 min. MediaPlayer (9 MB), Beschreibung als PDF-Datei (3 MB)

Für diese performative Arbeit (work in progress) fotografiert der Stuttgarter Medienkünstler Wolf Helzle weltweit Gesichter von Menschen. Seine Datenbank enthält (Stand 07/2007) über 20.000 Portraits aus verschiedenen Ländern Europas, aus Japan, Korea und Sambia mit wachsender Tendenz.. Er geht einer Frage nach, die ihn schon sehr lange bewegt: „Wie kann ich das Verhältnis verstehen zwischen mir als Individuum und der Menschheit insgesamt, diesen 6 Milliarden Menschen?“ Als Stichtag für diese Frage nennt er das Jahr 1963, an welchem wir das erste Foto unseres Planeten vom Satellit aus bekommen haben. Dadurch wurde für
die Allgemeinheit ein Raum geboren, jenseits der bis dahin bekannten Grenzen. Und unsere bekannten Beziehungen von Familie über Beruf, Stadt, Region, Land usw. wurden um gerade diese Fragestellung erweitert. Was bedeutet es, ein Sechsmilliardelstel der Weltbevölkerung zu sein? Wie kann ich mir die Menschheit als Ganzes vorstellen? Wie wirkt sich dies auf mein
praktisches Leben aus?
Es reicht nicht aus, dass sich die Wirtschaft, die Technologie, der Terrorismus etc. dieses Raums bemächtigt haben, es ist angezeigt, dass wir Vorstellungen erarbeiten, was wir als einzelne Menschen damit zu tun haben. Dieser „globale“ Raum enthält Möglichkeiten und Potentiale, die es innerhalb der bekannten (nationalen) Grenzen nicht gibt. Und da Künstler für Bilder zuständig sind...

„Beim Prozess des Verstehens und Deutens bildet das Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzen einen hermeneutischen Zirkel: Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen, aber man kann die Teile nur verstehen, wenn man einen gewissen Begriff vom Ganzen hat.“ *

Wolf Helzle baut dafür seine mobile Fotostation samt Computerausstattung auf und bittet Besucher, Gäste, Passanten, auf einem Stuhl vor schwarzem Hintergrund Platz zu nehmen und fotografiert diese. Er übernimmt die Portraits in einen Rechner und bearbeitet sie dort mit einer speziell für diese Performance entwickelten Software. Ein Gesichtserkennungsprogramm legt verschiedene Punkte auf jedem Gesicht fest und danach werden die Portraits auf eine geeignete Fläche projiziert (Häuserfassade, Leinwand...) von mindestens 6x5 Meter. Es werden aber nicht nur die fotografierten Gesichter gezeigt, sondern auch die in Echtzeit berechneten Übergänge von Gesicht zu Gesicht. Jedes weitere Portrait wird nahtlos in die Projektion eingefügt, wobei sich die Reihenfolge der Gesichter immer wieder ändert.

Häufig inszeniert Wolf Helzle diese Arbeit auch zusammen mit unterschiedlichen Musikern und betritt damit den Bereich des relativ jungen Genres „visual music“. Er kann die Geschwindigkeit der Abfolge der Gesichter in Echtzeit verändern, wodurch ein enger Zusammenhang zwischen Musik/Rhythmus und Bild entsteht.

* David Couzens Hoy, zitiert in Ken Wilber: „Das Wahre, Schöne, Gute - Geist und Kultur im 3. Jahrtausend“
(Fischer Taschenbuch Verlag, 2002), Seite153



Andreas Langen (Auszug der Eröffnungsrede zu einer Ausstellung):

"Als Künstler bearbeitet Wolf Helzle ein Thema, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, seit er seinen ersten Atemzug getan hat. Denn er ist als die Hälfte eines Zwillingspaares geboren, und seine Bilder befassen sich mit der Beziehung des Einzelnen zum Ganzen.
Das Ganze aller Menschen, die Gemeinschaft mit Gleichartigen, brauchen wir fast so nötig wie das tägliche Brot. Wer sie verliert, dem droht der Wahnsinn, wie Robinsons irrlichternde Kommunikation mit seinem Verzweiflungsgefährten Freitag zeigt; wer die
Gemeinschaft mit anderen freiwillig aufgibt, zum Beispiel getrieben von religiöser Inbrunst, der bekommt es schnell mit ziemlich bösen Geistern zu tun, und wenn er Gott persönlich ist: Jesus fastete einsam in der Wüste, und prompt geriet er an den Leibhaftigen.

Was hat es also auf sich mit der Individualität, zumal in unseren Tagen und Kreisen, in denen das Persönliche unentwegt gepriesen wird, bis hin zur allgegenwärtigen Lächerlichkeit von Werbebotschaften, die Massenprodukte als „exklusiv“ zu Markte tragen? Und was bedeutet die Spannung zwischen dem Individuellen, das mich trennt, und dem Gemeinsamen, das mich verbindet, beim Vorgang des Fotografiert-Werdens? Einem Vorgang, der nur scheinbar eine kleine, banale Angelegenheit ist, so wie Wolf Helzle ihn ausübt: Lampe von vorne, einen Moment hinsetzen, gerader Blick ins Objektiv, Blitz, fertig ist das Passbild. – Knapp 16.000 Porträts dieser Art befinden sich mittlerweile in Helzles elektronischem Archiv, aufgenommen zwischen Stuttgart und Tokio, bei Stadtfesten, Kunstausstellungen, Firmenevents – und immer wieder kann man dabei die gleiche Beobachtung machen, egal ob ein Topmanager dort sitzt oder ein Stadtstreicher: dieser Moment vor der Kamera berührt sehr tief gehende Fragen, zum Beispiel: Welches Bild gebe ich ab? Oder, noch weiter gehend: Wer bin ich? Viele Menschen reagieren auf diese Situation mit sichtlicher Anspannung. Wolf Helzles Antwort darauf ist ein liebevoller Umgang. Er bemüht sich um persönliche Wärme, spricht betont ruhig und freundlich, und
wenn das Bild gemacht ist, steht er auf und heftet dem Porträtierten einen kleinen Klebepunkt ans Revers. Rein praktisch, um zu erkennen, wen er bereits abgelichtet hat; tatsächlich aber, um sein Gegenüber auch physisch zu berühren, um wortwörtliches Begreifen herbeizuführen.

Man kann all das leicht für naiv halten, zumal die Bilder, die so entstehen, sich nicht hinter anspruchsvoller Kompliziertheit verstecken. What you see is what you get – menschliche Gesichter. Diese Kunst thront nicht in erhabener Rätselhaftigkeit hoch über den Köpfen
von Durchschnittsmenschen, im Gegenteil: sie besteht aus genau diesen Köpfen, lauter ungeschminkten, manchmal fast schmerzlich realitätsnahen Alltagsgesichtern. Wolf Helzle versteht dieses Sammeln von Gesichtern als Verbeugung vor der unendlichen Vielfalt
von Menschen, und wieder liegt die Versuchung nahe, dieses beinahe kindliche Staunen für naiv oder oberflächlich zu halten. Aber ganz abgesehen davon, dass die elektronisch ineinander verschmelzenden Gesichter auch sehr bedrohliche Seiten haben – manche
Betrachter sehen frankensteinsche Wesen oder düstere Visionen genmanipulierter Monster – bei genauerem Überlegen zeigt sich, wie enorm das scheinbar schlichte Thema ist."