... und ich bin ein Teil
Medien Kunst Stück

DemoVideo 5 min. MediaPlayer (9 MB), Beschreibung als PDF-Datei (3 MB)

Für diese performative Arbeit (work in progress) fotografiert der Stuttgarter Medienkünstler Wolf Helzle weltweit Gesichter von Menschen. Seine Datenbank enthält (Stand 08/2009) über 23.000 Portraits aus verschiedenen Ländern Europas, aus Japan, Korea und Sambia mit wachsender Tendenz. Er geht einer Frage nach, die ihn schon sehr lange bewegt: „Wie kann ich das Verhältnis verstehen zwischen mir als Individuum und der Menschheit insgesamt, diesen 6 Milliarden Menschen?“ Als Stichtag für diese Frage nennt er das Jahr 1963, an welchem wir das erste Foto unseres Planeten vom Satellit aus bekommen haben. Dadurch wurde für
die Allgemeinheit ein Raum geboren, jenseits der bis dahin bekannten Grenzen. Und unsere bekannten Beziehungen von Familie über Beruf, Stadt, Region, Land usw. wurden um gerade diese Fragestellung erweitert. Was bedeutet es, ein Sechsmilliardelstel der Weltbevölkerung zu sein? Wie kann ich mir die Menschheit als Ganzes vorstellen? Wie wirkt sich dies auf mein praktisches Leben aus?
Es reicht nicht aus, dass sich die Wirtschaft, die Technologie, der Terrorismus etc. dieses Raums bemächtigt haben, es ist angezeigt, dass wir Vorstellungen erarbeiten, was wir als einzelne Menschen damit zu tun haben. Dieser „globale“ Raum enthält Möglichkeiten und Potentiale, die es innerhalb der bekannten (nationalen) Grenzen nicht gibt. Und da Künstler für Bilder zuständig sind...

„Beim Prozess des Verstehens und Deutens bildet das Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzen einen hermeneutischen Zirkel: Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen, aber man kann die Teile nur verstehen, wenn man einen gewissen Begriff vom Ganzen hat.“ *

Wolf Helzle baut dafür seine mobile Fotostation samt Computerausstattung auf und bittet Besucher, Gäste, Passanten, auf einem Stuhl vor schwarzem Hintergrund Platz zu nehmen und fotografiert diese. Er übernimmt die Portraits in einen Rechner und bearbeitet sie dort mit einer speziell für diese Performance entwickelten Software. Ein Gesichtserkennungsprogramm legt verschiedene Punkte auf jedem Gesicht fest und danach werden die Portraits auf eine geeignete Fläche projiziert (Häuserfassade, Leinwand...) von mindestens 6x5 Meter. Es werden aber nicht nur die fotografierten Gesichter gezeigt, sondern auch die in Echtzeit berechneten Übergänge von Gesicht zu Gesicht. Jedes weitere Portrait wird nahtlos in die Projektion eingefügt, wobei sich die Reihenfolge der Gesichter immer wieder ändert.

Häufig inszeniert Wolf Helzle diese Arbeit auch zusammen mit unterschiedlichen Musikern und betritt damit den Bereich des relativ jungen Genres „visual music“. Er kann die Geschwindigkeit der Abfolge der Gesichter in Echtzeit verändern, wodurch ein enger Zusammenhang zwischen Musik/Rhythmus und Bild entsteht.

* David Couzens Hoy, zitiert in Ken Wilber: „Das Wahre, Schöne, Gute - Geist und Kultur im 3. Jahrtausend“
(Fischer Taschenbuch Verlag, 2002), Seite153



Dr. Rita E. Täuber, Kunsthistorikerin, Staatsgalerie Stuttgart:

"Bereits seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet der Medienkünstler Wolf Nkole Helzle unentwegt an der Erweiterung eines besonderen Archivs. Ob in Europa, Afrika oder Asien - ob in einer Kunstausstellung, in einer Kirche oder auf der Straße - an all diesen Orten luden ein Stuhl, eine Lampe, ein schwarzer Hintergrund und eine Kamera Gäste, Besucher und Passanten zu einem kurzen Fototermin.

Auf diese Weise entstehen aber weder "Kniestücke", Hüft- oder Brustbilder, sondern nahsichtige Kopfbilder mit aller Konzentration auf die Physiognomie. Wesentlich ist allein das Gesicht. Zunächst an einen Rechner weitergegeben, dessen besondere Software das Verhältnis von Augen, Nase und Mund bestimmt, gelangt schließlich Portrait für Portrait auf eine großformatige Leinwand. Der bannenden Frontalität dieser Gesichter gesellen sich die fließenden Bilder des Übergangs, bemerkenswerte Zwischenstadien, die sich durch das Verfahren des "Morphens" ergeben. Denn so wie das Gesicht des Einzelnen durch den Akt des Fotografierens aus der Menge hervortrat, so kehrt es auch wieder in diese zurück und durchläuft dabei momenthafte nicht selten bizarre Verwandlungen, in denen das Gemeinsame und das Trennende eigentümlich nah beieinander liegen: dem lachenden Kind entsteigt ein ernsthafter Herr, aus dem blassen Nordeuropäer entpuppt sich die dunkelhäutige Schönheit.

Im Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv ist es die besondere Vielfalt und Unverwechselbarkeit der individuellen Physiognomie, die immer wieder von Neuem fasziniert. An die 20.000 Portraits sind es, die sich bislang in Wolf Helzles weltweit angelegtem kommunikativen MedienKunstStück gleichberechtigt begegnen - eine gigantische Zahl und dennoch nur ein winziger Bruchteil des großen unüberschaubaren Ganzen."