01.-31.10.2006: Evangelische Stadtkirche, Göppingen, in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Göppingen und
Visual Music-Konzert mit Gert Anklam am 31.10.2006 (info)



Eröffnungstext von Pfarrer Ulrich Zimmermann:

Willkommen beim Hereinschauen
Die Kunstaktion „…und ich bin ein Teil“ begleitet die 6. Göppinger Kirchenbezirkstage. Willkommen in der Stadtkirche Göppingen! Hoch über unseren Köpfen ist es, als ob viele Menschen bei uns hereinschauen, sich uns zeigen, uns ihr Lächeln, ihre Aufmerksamkeit, ihre Gegenwart schenken. Doch nicht sie selbst sind es. Ein Bild von ihnen ist hier – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Medienkünstler und Fotograf Wolf Helzle hat sie uns gebracht. Ich möchte ihn ganz herzlich in seiner Geburtsstadt Göppingen begrüßen. Wolf Helzle ist zu vielen Menschen gereist. Acht Jahre hat die Reise bisher gedauert. Acht Jahre – und immer neu hat er sich auf den Weg gemacht in viele Städte Deutschlands, nach Kroatien, Japan, Irland, Spanien, Südkorea, Zambia und andere Länder. Und dort sind die Menschen zu ihm gekommen – meist zufällig, aber auch gezielt, um – neugierig und interessiert wie wir heute – sich einer Begegnung zu stellen, die eigen-artig ist, ihre eigene Art hat.
Auch unser Beisammensein heute hat eine ganz eigene Art. Das Auge ist diesmal besonders angesprochen, sonst ist es in Gottesdiensten eher das Ohr, das wir für Musik und Wort öffnen. Auf jeden Fall sind Sie eingeladen, die Stimme Ihres Herzens zu vernehmen, die sich mal vom Gesehenen, mal vom Gehörten und Gesungenen her melden mag. Lassen Sie sich auf die Portraits vor allem ein, und wenn Gesprochenes ab und an auch Ihre Aufmerksamkeit findet, ist es gut so.
Es ist gut zu wissen, dass der heutige Start des Medien Kunst Stücks „…und ich bin ein Teil“ auch der Start einer Uraufführung ist: Erstmalig in den genannten acht Jahren sind alle 20.000 bisher fotografierten Portraits zu sehen und dazu all diejenigen, die in Göppingen noch entstehen – in diesen Wochen bis zum Abschlussabend am Reformationstag.

Bild und Hintergrund
Die Welt zu Gast bei Freunden – so und damit auch schon ein wenig abgedroschen oder sogar anbiedernd könnte die Verknüpfung zwischen den Strophen des Liedes „Damit aus Fremden Freunde werden“ und den Gesichtern aus vielen Städten der Welt lauten. „Gesichter der Welt zu Gast bei Freunden“ wäre besser. Denn von einer eigenartigen Begegnung sprach ich eingangs. Die Begegnung mit den Portraits vieler Menschen hat etwas von dem, was uns heutzutage unsicher werden lässt: die virtuelle Welt mit ihrer für uns nicht greifbaren Wirklichkeit. Noch weiter weg, als ihr Bild hoch über unseren Köpfen hängt, sind uns diese Menschen. Wir kennen sie nicht. Sie wissen nichts davon, dass wir ihr Bildnis betrachten. Sie erfahren nichts von den anderen 20.000 Personen, deren Antlitz vor und nach ihnen aufleuchtet und sich mit ihrem verwebt. Die Begegnungen auf der Leinwand sind immer wieder neu, jetzt und davor und danach rein zufällig, computergesteuert, gemacht – eben virtuell. Ein Abbild unserer Welt ist dies, in der immer mehr gereist und immer weniger begegnet wird. Wolf Helzle allein ist ihnen begegnet, hat kurz und manchmal auch ausführlich mit ihnen gesprochen, ein Händedruck, eine zärtliche Geste vielleicht. An zahlreiche Menschen erinnert er sich, wenn er ihre Gesichter sieht, längst nicht an alle natürlich! Der Künstler ist der Vermittler, der Brückenbauer. Aber eines hat er nicht mitgebracht. Das kann er nicht mitbringen: ihren Hintergrund, die Lebenserfahrung jener Frau, die Angst dieses Kindes und die Sorge des Mannes, der so fröhlich dreinschaut. Der Hintergrund fehlt. Der Hintergrund. Alle haben im Portrait den gleichen Hintergrund: schwarz. Losgelöst von ihren Umständen und Zuständen schauen die Menschen uns an. Und doch: obwohl wir ihren Hintergrund nicht kennen und manchmal unseren eigenen Hintergrund nicht zu erkennen geben – das Schwarze hat etwas. Es ist mehr als nichts.

Detail und Ganzes
Steigen Sie einmal auf einen Berg. Die Faszination, Gipfel zu besteigen, liegt ja auch darin, Abstand zu gewinnen und die Welt in neuer Weise anzuschauen. Den Berg hinaufzusteigen macht Mühe. Aber während man hinaufgeht, erschließt sich dem Auge immer mehr Welt. Felder, Wiesen, Wege, Dörfer werden immer kleiner. Pflanzen, Tiere, Menschen erscheinen immer winziger. Der überblickte Raum wird immer größer. Oben angelangt erkennt man den großen Zusammenhang. Man sieht, wie alles zusammengehört und ineinander greift. Und je höher wir kommen, desto zwingender gewinnt der, die und das Einzelne seine Bedeutung vom Ganzen her. So mag es dem ersten Astronauten ergangen sein, der persönlich den Erdball von oben gesehen hat. Und viele von uns haben die ersten Fotos aus dem Weltraum damals gesehen und waren fasziniert: blau der Planet, und sein Hintergrund schwarz. Von seiner Jugend her hat Wolf Helzle sich die Faszination – oder soll ich sagen: den Glauben - bewahrt und in sein künstlerisches Schaffen einfließen lassen: Die Erde mit ihren Milliarden Menschen – „…und ich bin ein Teil“. Und wir gehören zusammen. Vom gebührenden Abstand her verbieten sich Grenzen und Streit und Elend. Die Unendlichkeit, das Schwarz des Kosmos, der Ordnung, der Schöpfung Gottes. Und dieses Ganze des Universums wäre doch bedeutungslos, wenn es das Einzelne nicht umfasste.

Einblick und Überblick
Hinter dem einzelnen Antlitz das alles verbindende Schwarz des Kosmos. Hinter dem Antlitz des verletzlichen und starken Menschen, hinter dem Antlitz des glücklichen und des geschundenen Menschen unser gemeinsamer Hintergrund, ob wir in Japan leben, in Zambia oder in Göppingen. Der am großen Zusammenhang orientierte Blick von weit oben, der Blick neben und zwischen und hinter die Menschen auf den Zusammenhang, der größer nicht gedacht werden kann, ist ebenso wichtig wie der Blick ins Antlitz des Gegenübers. Diesen Zusammenhang nennen Bibel und Glaube „Gott“. Gott als unser Hintergrund und Sinnzusammenhang, als die alles umfassende Realität. Deshalb ist Überblick vonnöten. Und die Mühe des Aufstiegs in die Höhe ist unumgänglich. Oben sieht man die Dinge anders und man sieht weiter. Aus dieser Warte meine und deine und unsere und ihre Details und Eigenarten und vor allem die faszinierend schönen und sehr Persönliches ausstrahlenden Gesichter zu schauen, dazu haben wir heute und darüber hinaus Gelegenheit….

Distanz und Begegnung
Wolf Helzles Reise zu vielen Menschen geht weiter. Heute ist er hier – und in Göppingen noch an weiteren vier Tagen. Über 500 Portraits kamen und gingen in dieser Stunde hier über die Leinwand. Und wir sind gekommen und wir werden gehen – wohin und wie? Werden wir noch eine Weile auf unserem Antlitz das Lächeln spüren, den Ernst, die Unsicherheit derer, die sich uns zeigten? Werden wir in wirklichen Begegnungen, nicht nur im Virtuellen, ebenso aufmerksam hinschauen? Wird in unserem Angesicht dann mehr zu erkennen sein als Fassade und Distanz?
Gott gebe es. Er schenke uns die Offenheit der Augen und des Herzens. Er verleihe uns Güte in Blick und Wort, er gebe uns seine Kraft für jede Begegnung und Tat. Sein Segen geleite die Vielen und die Einzelnen, die Menschheit und uns als einen Teil davon.


Die Predigt von Ulrich Zimmermann "Was ist der Mensch" vom 15.10.2006 gibt es hier als PDF-Dokument.